Das Ergebnis war: Godiva Traue wurde zur glühenden Antikommunistin. Unterstützt wurde sie vom Elternhaus, das die Unfreiheit schon in der Hitler-Diktatur erlebt hatte, in der das Äußern einer eigenen Meinung das Leben kosten konnte. Ein Leben in der sowjetisch besetzten Zone schien unmöglich. 1947 floh die Familie über die grüne Grenze mit Hilfe eines befreundeten russischen Geheimdienstoffiziers nach Westen. Köln war das Ziel, da man hier schon vorher geflüchtete Menschen wusste, denen Godiva in Thüringen geholfen hatte. Die britische Armee setzte sie schon bald als Dolmetscherin für Russisch ein. Schnell fand sie eine Stelle als Fremdsprachen-korrespondentin in dem langsam wieder expandierenden Motorenwerk „Klöckner-Humboldt" in Köln-Deutz. Ihr Vater erhielt eine Anstellung als Studienrat an einem Gymnasium in Gummersbach.
Die zweite Lebensphase beginnt damit, dass Godiva 1947 in Köln ihren späteren Mann Winrich Kroner, Student der Altphilologie und Philosophie, kennen lernt.
Winrich Kroner war am 14.06.1922 im ostpreußischen Allenstein geboren und hatte das dortige altsprachliche Jungen-Gymnasium besucht, an dem sein Vater Studienrat war. Als früh eingezogener Abiturient hatte er den Krieg zunächst in Russland, dann als Gefangener in Frankreich durchlitten. Die Geschehnisse (Gräueltaten an der Front, Hunger, Kälte, proletenhafte Offiziere) hatten ihn traumatisiert; nur mühsam konnte er dagegen angehen durch die Auseinandersetzung mit der zeitlosen Gedankenwelt berühmter Autoren, vor allem der Antike und der deutschen Klassik.
Nach dem Krieg hatte Winrich Kroner die Möglichkeit erhalten, in Köln Altphilologie, Philosophie und Geschichte zu studieren. Es gab allerdings eine Art „numerus clausus". Dieser bestand in Aufbauarbeit, die den ausgemergelten Kriegsheimkehrer zwang, ein halbes Jahr Gasleitungen zu verlegen, ehe er unter erbärmlichen Bedingungen und unter erheblichem Zeitdruck sein Studium und die sich anschließende Referendarzeit absolvieren konnte.
Winrich Kroners Beamtenlaufbahn begann 1956 am Emil-Fischer-Gymnasium in Euskirchen, für ihn in einem überschaubaren Lebensraum mit breiter Anerkennung einer humanistischen, altsprachlichen Ausrichtung, was seiner Fächerkombination Latein und Griechisch entgegenkam. Die Schülerschaft war in aller Regel sehr lernwillig, ausgestattet mit soliden Grundkenntnissen aus Volksschule und einer recht homogenen Begabungsstruktur. Das Gymnasium verstand sich damals als höchste Schulform, die auf ein erfolgreiches Studium vorbereitete, nicht als bessere Regelschule. Entsprechend war der Zugang streng geregelt, Leistungsdruck und Selektion unerbittlich. Die Autorität des Pädagogen wurde von Behörden und Eltern vorbehaltlos akzeptiert.
Beim ersten Besuch 1956 – man hatte noch während der Studentenzeit geheiratet – kurz nach Ostern in Euskirchen entfährt es Godiva: „Mein Gott, Wini, was ist Euskirchen für eine hässliche Stadt. Du bewirbst Dich am besten umgehend nach Köln.“2 Sie wusste natürlich nicht, dass Euskirchen gegen Ende des Zweiten Weltkrieges zu 75 % zerstört worden war. Doch ihr Ehemann wies auf die Vorzüge einer kleineren Stadt und deren Mikrokosmos hin: die Kreisstadt sei ein Mittelzentrum mit zahlreichen Fachgeschäften einer vielseitigen Schullandschaf wichtigen Behörden sowie guter Verkehrsanbindung zu den umliegenden Zentren wie Köln, Bonn, Düren, ja sogar bis Aachen und Trier; Gymnasiallehrer genössen ein hohes Ansehen; in seinen Fächern Latein und Griechisch könne er hier junge Menschen aktiv zu humanistischer Bildung und Studierfähigkeit hinführen. Hinzu komme ein ehrwürdiges Gymnasium im Stile der Neorenaissance an der Billiger Straße mit der verpflichtenden Widmungsinschrift „virtuti et litteris" (für Tüchtigkeit und Gelehrsamkeit).
Godiva ließ sich mehr überreden als überzeugen und stimmte schließlich einem Umzug nach Euskirchen zu. Sie ahnte nicht, dass dieser Ort ihre neue Heimat werden sollte. Das Ehepaar fand mit seinem 7-jährigen Sohn eine Wohnung in der Südstadt.
Godiva Kroner kündigte ihre Kölner Stelle und war auf einmal nur mehr Mutter und Hausfrau, wobei letzteres für sie durchaus gewöhnungsbedürftig war, kannte sie doch vom Elternhaus her das dienende Hausmädchen, das alle Hausarbeiten erledigte. Als 1959 die Tochter geboren wurde, widmete sie sich ganz der Rolle als erziehende Mutter, wuchs aber auch immer mehr in die der Hausfrau hinein.
Godiva Kroner hatte als „Zugereiste" für die Euskirchener zwei entscheidende „Mängel", die ihre Integrierbarkeit erschwerte. Sie beherrschte nicht das Euskirchener Platt und sie war Protestantin. Familienintern ist überliefert, dass Godiva Kroner im traditionsreichen Café Kramer beim obligatorischen allmonatlichen Kaffeekränzchen der Kollegenfrauen mit der Frage konfrontiert wurde, ob Protestanten denn auch an Gott glaubten.
Doch sie erhielt unerwartet Hilfe: die evangelische Gemeinde erlebte eine zahlenmäßige Verstärkung durch die Flucht und Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten. Und die Geistlichkeit war froh, in ihrem Diaspora-Status durch die eloquente Pfarrerstochter verstärkt zu werden.
Godiva Kroner ergriff jetzt auch auf anderen Gebieten die Initiative. Sie überredete ihren vorsichtigen Mann, der jahrelange finanzielle Entbehrungen befürchtete, zum Erwerb eines Grundstücks in der Südstadt in der Hubert-Vallender-Straße und zum Hausbau. Sie selbst übernahm dabei die Rolle des Baumanagers. Dabei konnte sie ihre in der Jugend erworbenen Kompetenzen, Verhandlungsgeschick und Durchsetzungs-vermögen, wirksam einsetzen. Durch umfassende Präsenz und zahlreiche gespendete Bierkästen kam es noch im Jahre 1960 zu einem früheren Einzug als geplant. Durch finanzielle Unterstützung von beiden Elternseiten, Beförderung des Ehemannes und regelmäßige Gehaltserhöhungen war es sogar möglich, die Kredite schneller zu tilgen und sich wieder eine Hausangestellte leisten zu können.
Jetzt war die Zeit reif für die dritte Phase ihres Lebens, die man als Selbstverwirklichung einstufen kann. Godiva Kroner hatte inzwischen im Volksbildungswerk, der späteren Volkshochschule der Stadt Euskirchen Kurse in Russisch geben können und damit erste Unterrichtserfahrungen gesammelt. Hinzu kam, dass die Kursteilnehmerinnen und Kursteilnehmer vielfach aus dem lokalen Bildungsbürgertum stammten, was ihren Bekanntheitsgrad erhöhte und einen wichtigen Grundstein für die weitere Entwicklung legte.
In der Politik der beginnenden sechziger Jahre vollzog sich ein Paradigmenwechsel. Chancengleichheit wurde zu einem beliebten Schlagwort. Das Bildungsangebot sollte erweitert, bildungsfernen Schichten der Zugang zum kulturellen Erbe, ja zu einem Hochschulstudium ermöglicht werden. So kam es zur Gründung einer Vielzahl neuer Gymnasien und Realschulen, teilweise verbunden mit der Umwandlung von Pro-Gymnasien (z.B. Zülpich, Mechernich) in Vollanstalten. Aufnahmeprüfungen für Gymnasien wurden abgeschafft; der Elternwille sollte die Richtschnur sein, ob das Kind eine weiterführende Schule besuchte. Richtlinien wurden in Bezug auf grundlegende Kulturkompetenzen – etwa Rechtschreibung und Schönschrift – toleranter schulische Abschlüsse erleichtert. Diese politisch gewollte Bildungsexpansion verlangte viele Lehrer, die der „Markt" damals nicht hergab. Um dem eklatanten Lehrermangel abzuhelfen, ermöglichte der Bonner Juraprofessor Paul Mikat 1963 als Kultusminister von NRW die Einstellung von Volksschullehrern, die nicht den klassischen Werdegang mit Studium und zwei Staatsexamina absolviert hatten. Diese Quereinsteiger, überwiegend akademisch gebildete Frauen in „Hausfrauenehen", wurden umgangs-sprachlich als „Mikätzchen" bzw. „Mikatert' bezeichnet.
Godiva Kroner ergriff diese Chance, absolvierte 1963 den einjährigen Crashkurs sehr erfolgreich und erhielt eine Stelle an der Grundschule in Stotzheim. Denn mittlerweile war die Volksschule zweigeteilt worden in eine Grundschule (Klassen 1 – 4) und die Hauptschule 5 – 8, später – 10). Dank ihrer früheren Erfahrungen schaffte sie problemlos den Einstieg und die Integration ins Kollegium, obwohl gerade den „Mikätzchen/Mikatern" von den gestandenen Kolleginnen und Kollegen vielfach Argwohn entgegengebracht wurde. „Fräulein" Kroner (so lautete die herkömmliche Anrede einer Lehrerin in der Volksschule) wurde mit 39 Jahren eine beliebte Klassenlehrerin.
Nach zwei Jahren Tätigkeit als Aushilfslehrerinnen und Aushilfslehrer erhielten die Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger die Option, ein verkürztes Lehrerstudium zu absolvieren, um dann endgültig voll in den Schuldienst übernommen zu werden. Godiva machte von diesem Angebot Gebrauch und wurde 1965 Studentin an der Pädagogischen Hochschule Bonn mit den Fächern Politologie, Soziologie und Wirtschaftswissenschaften.
Es war aber eine unruhige Zeit. Denn mit 1968 begannen die Studenten-Unruhen und verschonten auch die Studieneinrichtungen in Bonn nicht. Linksradikale demonstrierten gegen die angeblich verknöcherte Bundesrepublik.
Das stilvolle Bonner Kurfürstliche Schloss, bis zur Französischen Revolution Sitz des Erzbischofs von Köln, seit der Übernahme der Rheinlande durch die Preußen Hauptgebäude der Bonner Universität, wurde mit Graffiti verunstaltet. Der Rasen der Hofgartenwiese war häufig zertrampelt und mit Flugblättern übersät. Dominiert wurden die Protestbewegungen von teilweise äußerst gewaltbereiten marxistischen Studentengruppen. Sie zerstörten Geschäfte und hinderten Professoren an der Ausübung ihres Lehrauftrages. Godiva Kroner, die regelmäßig russische Radiosender hörte, wusste, dass deren Protagonisten von Moskau ideologisch und finanziell unterstützt wurden. Sie stemmte sich in hitzigen Diskussionen mit ihrem überlegenen Hintergrundwissen und fast konkurrenzloser Eloquenz gegen die meist apodiktisch geführte kommunistische Propaganda. Neben ihren exzellenten Studienleistungen nötigte dieses Engagement den Professoren tiefgehende Hochachtung ab. Sie standen den gewaltsamen Strömungen in ihren Seminaren meist fassungslos und überfordert gegenüber. Godiva Kroner wurde eine Promotion über Marxismus angeboten. Auch diese Herausforderung nahm sie mit Erfolg an und wurde nach drei Jahren unermüdlicher akademischer Arbeit 1974 an der Pädagogischen Hochschule in Köln promoviert. Sie legte dort ein Jahr später zudem noch Staatsexamina für das Lehramt an Gymnasien ab.
Jetzt Dr. Godiva Kroner, wurde sie der Hauptschule Nordschule (Gertrudisschule) in Euskirchen zugewiesen. Das Kollegium stand unter der Leitung von Dr. Theo Wattler, und es bedurfte schon starker gemeinsamer Anstrengungen, die pubertierenden Jugendlichen mit ihrem Imponiergehabe in Lederjacken, der offen demonstrierten Leistungsverweigerung und der gelebten Bildungsfern zu motivieren. Da halfen auch Elternbesuche wenig. Die Jugend hatte sich selbst in kleineren Städten gewandelt. Bildungspolitiker waren allerdings immer noch zuversichtlich, dass die neuen Schulformen als pädagogische Herausforderungen anzusehen seien, und verschlossen vor den sozialen Brennpunkten in den meisten Fällen die Augen.
Stattdessen entdeckte die Politik einen weiteren Bereich, in dem sie Bildungs-möglichkeiten sah: die Erwachsenenbildung. 1974 hatte der Landtag in NRW das Weiterbildungsgesetz verabschiedet das den bestehenden Bildungsmöglichkeiten noch eine weitere gleichberechtigte Säule hinzufügte: die Weiterbildung der Erwachsenen ohne Altersbeschränkung. Sie wurde zur kommunalen Pflichtaufgabe deklariert und von der lokalen Volkshochschule übernommen. Bisher hatte es in Euskirchen eine ehrenamtlich geführ te Volkshochschule gegeben. Ihr ehrenamtlicher Leiter war der Realschullehrer Hermann Schmitz. Jetzt musste die VHS eine Institution mit professionalisiertem pädagogischem Personal werden.
Hier beginnt die vierte Phase im Leben von Dr. Godiva Kroner. Sie bewarb sich auf die von der Stadt ausgeschriebene Stelle und wurde dank ihrer Qualifikationsnachweise von allen Parteien 1975 einstimmig zur hauptberuflichen Leiterin gewählt. Zu dieser Zeit war es noch etwas Besonderes, wenn Führungspositionen an Frauen vergeben wurden.
In dieser Stelle lag das Potenzial zu einem unbegrenzten Betätigungsfeld. Die neue Institution musste vielfältige Angebote für unterschiedlich Bevölkerungsschichten bereithalten und wurde damit eine auf starke Expansion ausgerichtete Bildungseinrichtung. Der damalige Stadtdirektor Dr. Heinrich Blass sah in Dr. Godiva Kroner die sich bietende Chance einer nachhaltigen Erwachsenenbildung und räumte ihr umfassende Entfaltungsmöglichkeiten ein. Das Alte Rathaus in der Baumstraße im Zentrum von Euskirchen wurde die VHS-Dienststelle.
Mit der ihr eigenen unerschöpflichen Tatkraft, breiten Lebenserfahrung, mit tiefgehender Menschenkenntnis und gutem Gespür für erfolgreiche Innovationen erweiterte Dr. Godiva Kroner zügig die Anzahl und thematische Breite von Kursangeboten und abendlichen Vorträgen. Sie legte für jedes Halbjahr ein immer umfangreicheres Programmheft vor. In enger Kooperation mit der Lokalpresse wurde zudem auf VHS-Veranstaltungen hingewiesen und über solche berichtet. Nach wenigen Jahren gelang es ihr, einen Kooperationsverband mit den Volkshochschulen Zülpich und Münstereifel zu gründen. Damit wurden Synergie-Effekte und Entlastungen für die städtischen Haushalte gesichert.
Die Kursangebote richteten sich dabei auch an Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die auf der Schattenseite des Lebens standen. Für diese hatte Dr. Godiva Kroner von Kindheit an eine tiefgehende Empathie und Hilfsbereitschaft entwickelt. Entsprechend wurden z.B. Deutschkurse für Ausländer, solche für Legastheniker, für verschuldete Mitbürgerinnen und Mitbürger sogar ein Kurs für den sparsamen Umgang mit Haushaltsgeld angeboten.
Die VHS wurde eine Bildungseinrichtung, die im öffentlichen Bewusstsein von Euskirchen immer stärker verankert war. Dazu trugen das breitgestreute Spektrum des Kursangebotes bei, zudem die von ihr geförderten Exkursionen und Reisen, durch die der Verfasser einen intensiveren Kontakt zu Dr. Godiva Kroner bekam. Sie hatte von seiner Fahrt mit einer Unterprima nach Skandinavien gehört und bat ihn, eine solche für die VHS zu den skandinavischen Hauptstädten zu organisieren. Die Fahrt fand großen Anklang und wurde der Beginn eines interessanten und in vollem Umfang angenommenen Exkursionsprogrammes wie auch fast alle folgenden Fahrten mit voll besetzten Bussen durchgeführt werden konnten. Denn es gab einen großen Nachholbedarf der Kriegsgeneration, die jetzt, finanziell bessergestellt, in ein Alter gekommen war, sich anspruchsvolle Reisen erlauben zu können. Da solche Fahrten den Stempel ihres Leiters tragen konnten, fanden sie viel Anklang, waren sie doch in dieser Form nicht in Reisebüros zu buchen. Schon bald hatte sich ein Stammpublikum gefunden. Damit es zu keinen „Exzessen" kam, hatte der Stadtrat allerdings festgelegt, dass diese Fahrten nur innerhalb der Grenzen Europas stattfinden sollten, damit sie für alle erschwinglich blieben, und so der Idee der Volkshochschule Rechnung getragen werde.
Für Dr. Godiva Kroner war es ein Herzensanliegen, dass Fahrten auch in die DDR und in die ehemaligen deutschen Ostgebiete führten, und so konnte der Verfasser unter ihr noch unter „Ostblockbedingungen" seit 1976 Fahrten in alle Bezirke der DDR, aber auch in die damals unter polnischer (z. B. Masuren) und russischer (z. B. Ostpreußen mit Königsberg) Verwaltung stehenden ehemaligen deutschen Gebiete durchführen. Vielfältige Begegnungen mit DDR-Bürgern erweiterten das Geschichtsbild der Teilnehmer. Qualifizierte Reiseführer vor Ort steigerten die Qualität der Fahrten. Auf diese Weise trug die VHS in hohem Maße in Zeiten des Eisernen Vorhangs zur geschichtlichen Bewusstseinsbildung bei; es war ein Erleben von Geschichte vor Ort. Dr. Godiva Kroner war daran viel gelegen, obwohl sie selbst nie mitfahren durfte wegen ihrer früheren Tätigkeit als Dolmetscherin bei der russischen Militärverwaltung.
Dr. Godiva Kroner verabscheute Radikalität jeglicher Ausprägung. Dennoch war sie mutig und unerschrocken, ihre Meinung offen zu artikulieren, und wurde zuweilen zum Sprachrohr für Gleichgesinnte, die Scheu hatten, sich in der Öffentlichkeit „gegen den Mainstream" zu äußern. Damit erwarb sie sich die Anerkennung breiter Bevölkerungs-schichten, der städtischen Verwaltungsangestellten und der Politiker, die Dr. Godiva Kroner so sehr schätzten, dass sie ihr eine Beförderung antrugen. Voraussetzung war allerdings der Eintritt in eine Partei. Dies lehnte Dr. Godiva Kroner ab. Als Mitglied der russischen Armee hatte sie jahrelang als Landesverräterin auf Moskaus roter Liste gestanden. Daher scheute sie jede Art von politischen Bindungen. Vor allem aber fürchtete sie Abhängigkeiten im freien Denken und Handeln.
Die politisch gesteuerte Bildungsoffensive ging aber noch weiter. Der Volkshochschule wurde die Möglichkeit eingeräumt, Kurse mit dem Ziel eines staatlich anerkannten Haupt- und Realschulabschlusses und schließlich auch das Abitur einzurichten. Diese Möglichkeit wurde von Dr. Godiva Kroner zügig umgesetzt, indem sie in Euskirchen eine Außenstelle des Abendgymnasiums Bonn initiierte, dessen prominentester Schüler einst der langjährige Arbeitsminister Dr. Norbert Blüm gewesen war. In der Anfangszeit leitete Dr. Godiva Kroner diese neue Bildungseinrichtung kommissarisch, ehe Dr. Theo Wattier zum hauptamtlichen Außenstellenleiter berufen wurde. Als Außenstelle des Weiterbildungskollegs der Bundesstadt Bonn haben die von Dr. Godiva Kroner etablierten Bildungsgänge Abendgymnasium/Abendrealschule anhaltende Resonanz gefunden. Beide Schulformen verfügen mittlerweile über ein eigenes Gebäude auf dem Gelände der städtischen Marienschule.
1987 endete die aktive Zeit für Dr. Godiva Kroner. In einer würdigen Feierstunde am 19. Dezember 1987 überreichte ihr Stadtdirektor Dr. Heinrich Blass die Entlassungs-urkunde. Zur Feier trug Dr. Godiva Kroner noch einmal dasselbe Kleid, das sie schon bei der Einführung in die neue Stelle getragen hatte. Sie kommentierte dies mit den Worten: „Ich bin halt immer eine sparsame Beamtin gewesen."3 Zwölf Jahre hatte die jetzt 58-jährige der Volkshochschule ihren Stempel aufgedrückt- Jetzt konnte sie zusammen mit ihrem ebenfalls pensionierten Ehemann lange gehegte Reiseträume verwirklichen.
Voller Freude erlebte sie 1989 den Mauerfall und den Zusammenbruch des kommunistischen Systems: ein Lebenstraum war für sie in Erfüllung gegangen. Sie baute Kontakte in ihre alte Heimat auf, wurde mehrfach zu Vorträgen eingeladen und erfüllte sich die Vision einer Brückenbauerin im wieder vereinten Deutschland. Vor diesem Hintergrund verfasste sie die kleine Schrift „Kaugummi oder Wodka: eine Dolmetscherin zwischen zwei Welten", das Dokument einer Zeitzeugin.4
Im Jahre 2000 wurde eine Krebserkrankung bei ihr diagnostiziert, die sie mit aller Energie bekämpfte. Schließlich kam noch eine Demenz hinzu. Sie konnte nicht mehr in ihrem Zuhause bleiben, zumal ihr Gatte am 15. April 2005 verstarb, der sie, solange es für ihn möglich war, aufopferungsvoll betreut und gepflegt hatte. Sie erlebte im Pflegeheim in Bad Münstereifel noch ihren 80. Geburtstag im Jahre 2005, ehe sie am 18. Juni 2006 verstarb.
Anlässlich ihrer Beisetzung auf dem Euskirchener Friedhof wurde in vielfältiger Weise würdigend herausgestellt, wie viele bedeutsame Entwicklungen im Bildungsbereich Dr. Godiva Kroner mit ihrem eindrucksvollen persönlichen Engagement in Euskirchen angestoßen hat.
- StA EU, Kölner Stadt-Anzeiger, Nr. 297,/EN 19 vom 21. Dezember 1984 anlässlich der Verabschiedung, von Dr. Godiva Kroner als VHS-Leiterin.
- Das Zitat wurde einer Zusammenstellung zum Leben von Dr. Godiva Kroner entnommen, die ihr Sohn Dr. Bernd Kroner dem Verfasser uneigennützig zur Verfügung gestellt hat. Dr. Kroner wiederum war unterstützt worden von Christel Firmenich, geb. Kroner, und Dr. Werner Bertram.
- Wie Anm. 1.
- Kroner, Godiva: Kaugummi oder Wodka – eine Dolmetscherin zwischen zwei Welten. Berlin, Bonn, 1991.
Literatur
Hans-Helmut Wiskirchen und Bernd Kroner – Dr. Godiva Kroner – „Belegen Sie lieber einen Kurs als einen Parkplatz der VHS!“ – aus der Jahresschrift Geschichtsverein des Kreises Euskirchen e.V. Jahrgang 33, 2019, Frauen. Auf dem Weg zur Gleichberechtigung

