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Dr. Godiva Kroner - Feld 47, Nr. 58 – 67

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Dr. Godiva Kroner wurde am 13. Oktober 1925 in Masserberg, einem Luftkurort in Thüringen, als Godiva („Gottesgabe") Traue geboren. 

Godiva war das einzige Kind der evangelischen Pfarrersfamilie Dr. Georg Traue. Dieser war bei den Nationalsozialisten unangenehm aufgefallen, weil er sich in zahlreichen Publikationen gegen den Atheismus des Hitler-Regimes geäußert hatte. Trotzdem hatte die Tochter das Mädchengymnasium durchlaufen und sich in Leipzig als Dolmetscherin in Englisch und Russisch mit exzellenten Noten qualifizieren können. Als „Nebenfächer" musste sie zudem zwei romanische Sprachen, Italienisch und Spanisch, belegen.

So war es kein Zufall, dass die Amerikaner, die 1945 zunächst Thüringen besetzt hatten, auf Godiva Traue aufmerksam wurden, zumal sie aus dem Hause eines Hitler-Gegners stammte. Sie erhielt das Angebot, für die amerikanische Militärverwaltung als Dolmetscherin zu arbeiten. Diese Position war mit vielen Privilegien verbunden. Dazu gehörte in der beginnenden Notzeit ein erleichterter Zugang zu Lebensmitteln und, was für Frauen damals noch eine Seltenheit war, der Erwerb des Führerscheins. 

Nach dreimonatiger amerikanischer Militärregierung Mitte 1945 wurde Thüringen in die sowjetische Besatzungszone eingegliedert. Jetzt war die zwanzigjährige Godiva wieder gefragt. Als bilinguale Dolmetscherin fungierte sie bei den Übergabeverhandlungen zwischen den Amerikanern und Russen, bzw. den jeweiligen Generalstäben in Eisenach, und war plötzlich auf eine kleine politische Weltbühne gehoben. 

Sie waren beeindruckt und boten ihr eine Stelle als Dolmetscherin an. Die russische Gesetzgebung verlangte allerdings, dass Dolmetscher Mitglieder der russischen Armee waren, da sie mit hoheitlichen Bereichen in Berührung kamen. Godiva nahm das Angebot nach intensivem Überlegen an. Sie glaubte, Verständnisbrücken bauen zu können, indem sie dem russischen Gegenüber zu vermitteln versuchte, dass nicht alle Deutschen Nationalsozialisten gewesen waren. Doch sie wurde enttäuscht.

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Mit der Zeit reifte in der jungen Dolmetscherin die Erkenntnis, dass die braune Diktatur unter Hitler nahtlos ersetzt wurde durch die rote Diktatur unter Stalin – Überwachung der Bürger, Unterdrückung und Einschüchterung, Zensur aller Medien, Bekämpfung von Religionen, Personenkult. Das Ergebnis war: Godiva Traue wurde zur glühenden Antikommunistin. 

Ein Leben in der sowjetisch besetzten Zone schien unmöglich. 1947 floh die Familie über die grüne Grenze mit Hilfe eines befreundeten russischen Geheimdienstoffiziers nach Westen. Köln war das Ziel. Die britische Armee setzte sie schon bald als Dolmetscherin für Russisch ein. Schnell fand sie eine Stelle als Fremdsprachen-korrespondentin in dem langsam wieder expandierenden Motorenwerk „Klöckner-Humboldt" in Köln-Deutz. 

Godiva lernt 1947 in Köln ihren späteren Mann Winrich Kroner (14.06.1922 bis 15.04.2002), Student der Altphilologie und Philosophie, kennen. Nach dem Studium begann Winrich Kroners Beamtenlaufbahn 1956 am Emil-Fischer-Gymnasium in Euskirchen mit der Fächerkombination Latein und Griechisch. Man hatte noch während der Studentenzeit geheiratet. Beim ersten Besuch 1956 war Godiva von Euskirchen nicht begeistert. Godiva ließ sich mehr überreden als überzeugen und stimmte schließlich einem Umzug nach Euskirchen zu. Das Ehepaar fand mit seinem 7-jährigen Sohn eine Wohnung in der Südstadt. Godiva Kroner kündigte ihre Kölner Stelle und war auf einmal nur mehr Mutter und Hausfrau. Als 1959 die Tochter geboren wurde, widmete sie sich ganz der Rolle als erziehende Mutter und Hausfrau.

Godiva Kroner hatte als „Zugereiste" für die Euskirchener zwei entscheidende „Mängel", die ihre Integrierbarkeit erschwerte. Sie beherrschte nicht das Euskirchener Platt und sie war Protestantin. 

Trotzdem ergriff Godiva Kroner jetzt auch auf anderen Gebieten die Initiative. Sie überredete ihren Mann zum Erwerb eines Grundstücks in der Südstadt in der Hubert-Vallender-Straße und zum Hausbau. Sie selbst übernahm dabei die Rolle des Baumanagers. Im Jahre 1960 war Einzug.

Jetzt war die Zeit reif für eine neue Phase ihres Lebens, die man als Selbstverwirklichung einstufen kann. Godiva Kroner hatte inzwischen im Volksbildungswerk, der späteren Volkshochschule der Stadt Euskirchen Kurse in Russisch geben können.

Zudem verlangte Anfang der 1960er Jahre die politisch gewollte Bildungsexpansion viele Lehrer, die der „Markt" damals nicht hergab. Paul Mikat förderte 1963 als Kultusminister von NRW die Einstellung von Volksschullehrern, die nicht den klassischen Werdegang mit Studium und zwei Staatsexamina absolviert hatten. Diese Quereinsteiger wurden umgangssprachlich als „Mikätzchen" bzw. „Mikatert' bezeichnet.

Nach zwei Jahren Tätigkeit erhielten die Quereinsteiger/innen die Option, ein verkürztes Lehrerstudium zu absolvieren, um dann endgültig voll in den Schuldienst übernommen zu werden. Godiva machte von diesem Angebot Gebrauch und wurde 1965 Studentin an der Pädagogischen Hochschule Bonn mit den Fächern Politologie, Soziologie und Wirtschaftswissenschaften. Darüber hinaus wurde Godiva Kroner eine Promotion über Marxismus angeboten. Auch diese Herausforderung nahm sie mit Erfolg an und wurde nach drei Jahren unermüdlicher akademischer Arbeit 1974 an der Pädagogischen Hochschule in Köln promoviert. Sie legte dort ein Jahr später zudem noch Staatsexamina für das Lehramt an Gymnasien ab. Jetzt wurde Dr. Godiva Kroner der Hauptschule Nordschule (Gertrudisschule) in Euskirchen zugewiesen. 

1974 hatte der Landtag in NRW das Weiterbildungsgesetz verabschiedet, das die Weiterbildung der Erwachsenen ohne Altersbeschränkung förderte. Die bisher in Euskirchen ehrenamtlich geführ te Volkshochschule musste jetzt eine Institution mit professionalisiertem pädagogischem Personal werden.

Dr. Godiva Kroner bewarb sich auf die von der Stadt ausgeschriebene Stelle und wurde dank ihrer Qualifikationsnachweise von allen Parteien 1975 einstimmig zur hauptberuflichen Leiterin gewählt. Der damalige Stadtdirektor Dr. Heinrich Blass sah in Dr. Godiva Kroner die sich bietende Chance einer nachhaltigen Erwachsenenbildung und räumte ihr umfassende Entfaltungsmöglichkeiten ein. Das Alte Rathaus in der Baumstraße im Zentrum von Euskirchen wurde die VHS-Dienststelle.

Mit der ihr eigenen unerschöpflichen Tatkraft, breiten Lebenserfahrung, mit tiefgehender Menschenkenntnis und gutem Gespür für erfolgreiche Innovationen erweiterte Dr. Godiva Kroner zügig die Anzahl und thematische Breite von Kursangeboten und abendlichen Vorträgen. Sie legte für jedes Halbjahr ein immer umfangreicheres Programmheft vor.

Die VHS wurde eine Bildungseinrichtung, die im öffentlichen Bewusstsein von Euskirchen immer stärker verankert war. Dazu trugen das breitgestreute Spektrum des Kursangebotes bei, zudem die von ihr geförderten Exkursionen und Reisen. Dr. Godiva Kroner durfte wegen ihrer früheren Tätigkeit als Dolmetscherin bei der russischen Militärverwaltung selbst nie mitfahren.

Der Volkshochschule wurde die Möglichkeit eingeräumt, Kurse mit dem Ziel eines staatlich anerkannten Haupt- und Realschulabschlusses und schließlich auch das Abitur einzurichten. Diese Möglichkeit wurde Ende der 1970er Jahre von Dr. Godiva Kroner zügig umgesetzt, indem sie in Euskirchen eine Außenstelle des Abendgymnasiums Bonn initiierte. In der Anfangszeit leitete Dr. Godiva Kroner diese neue Bildungseinrichtung kommissarisch, ehe 1980 Dr. Theo Wattier zum hauptamtlichen Außenstellenleiter berufen wurde. 

1987 endete die aktive Zeit für Dr. Godiva Kroner. In einer würdigen Feierstunde am 19. Dezember 1987 überreichte ihr Stadtdirektor Dr. Heinrich Blass die Entlassungs-urkunde. Zur Feier trug Dr. Godiva Kroner noch einmal dasselbe Kleid, das sie schon bei der Einführung in die neue Stelle getragen hatte. Sie kommentierte dies mit den Worten: „Ich bin halt immer eine sparsame Beamtin gewesen."3 

Aus ihrem Lebenslauf lässt sich aufzeigen, dass Dr. Godiva Kroner zeitlebens eine selbstbewusste, weitsichtige und das jeweilige Ziel konsequent verfolgende Frau war, die auch Konflikte nicht scheute.

Am 18. Juni 2006 verstarb Dr. Godiva Kroner in einem Pflegeheim in Bad Münstereifel.

 

 

3      StA EU, Kölner Stadt-Anzeiger, Nr. 297,/EN 19 vom 21. Dezember 1984 anlässlich der Verabschiedung, von Dr. Godiva Kroner als VHS-Leiterin.

 

Literatur

Hans-Helmut Wiskirchen und Bernd Kroner – Dr. Godiva Kroner – „Belegen Sie lieber einen Kurs als einen Parkplatz der VHS!“ – aus der Jahresschrift Geschichtsverein des Kreises Euskirchen e.V. Jahrgang 33, 2019, Frauen. Auf dem Weg zur Gleichberechtigung