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Gertrud Schmöle - Feld 57, Nr. 1 – 2

Schmöle_Gertrud

Gertrud Schmöle kam als fünftes von insgesamt sieben Kindern des Ehepaars Hugo Schmöle und Anna Fahlenbock am 17. Januar 1898 in Euskirchen zur Welt. Die Lehrerfamilie lebte in der Kommerner Straße 1221. Als sie 17 Jahre alt war, besuchte sie die Städtische Lehrerinnen-Bildungsanstalt in Münstereifel und legte dort nach 2 ½ Jahren – am 8. November 1917 – ihre erste Lehrerprüfung ab. In den Jahren 1918 und 1919 absolvierte sie ihr Referendariat in der Volksschule Olpe2. Im Mai 1920 erhielt sie als zweite Lehrkraft eine Anstellung in der Städtischen Hilfsschule, die ihr Vater Hugo ein Jahr zuvor gegründet hatte, und an der er unterrichtete. Sie erwarb eine besondere Lehrbefähigung für die Hilfsschule, legte die zweite Lehrerprüfung ab und fand in dieser Schulform ihr Lebenswerk. In der Regel unterrichtete sie die Unterstufe. 

Die junge Lehrerin Gertrud Schmöle kann während ihrer gesamten Lehrtätigkeit bis 1960 der „neuen Schule" zugerechnet werden. Sie war eine hartnäckige Verfechterin der Hilfsschule als eigenständige Schule.

Im Vergleich zu ihren Kollegen Josef Kelz14, der nach dem Ausscheiden von Hugo Schmöle die Schulleitung übernahm, und Josef Blaumeister15, Schulleiter von 1934 bis 1945, fielen ihre Beurteilungen der Schüler/innen immer milder, nachsichtiger und verständnisvoller aus. 

Auch die Einweisung eines Schülers in eine Fürsorgeerziehungs- oder in eine geschlossene Heil- und Pflegeanstalt war eher die Ausnahme, denn sie bedeuteten nicht nur das erzieherische Versagen der Eltern, sondern der noch jungen Hilfsschule. Und gerade während der NS-Zeit bestand für diese Jugendlichen die Gefahr, der Maschinerie des Euthanasieprogramms zum Opfer zu fallen oder unter die kritische Beobachtung des Erbgesundheitsgerichtes zu fallen, da sie der Norm des „rassisch erbgesunden" Deutschen nicht entsprachen.

Gertrud Schmöle stellte während der NS-Zeit höchste Anforderungen an ihre eigene Nervenkraft und Geduld, um jedes erzieherische Mittel auszuschöpfen und damit eine Fürsorgeerziehung vielleicht zu verhindern. Auch lag kein forciertes Interesse vor, Schüler in Heil- und Pflegeanstalten zu überweisen.

Kölnische Rundschau_10 April 1969

Die Jahre von 1941 bis 1944, als die Hilfsschule mit ihren ca. 60 Schülern im Schwesternhaus der Dominikanerinnen an der Kölner Straße untergebracht war, beschrieb Gertrud Schmöle als eine pädagogisch sehr gute Zeit, da man getrennt von „Normalschülern" intensiv arbeiten konnte. Die gute Zeit endete im Oktober 1944, als Bomben das Gebäude völlig zerstörten und den Unterrichtsbetrieb nicht mehr möglich machten.

Als im Herbst 1945 der Schulbetrieb zunächst in den Volksschulen wieder aufgenommen wurde, wurde Gertrud Schmöle sofort als von der NSDAP nicht belastete Lehrerin 33 wieder in der Volksschule, die in der Taubstummenanstalt untergebracht war, eingesetzt 34. Bis April 1946 blieb die Hilfsschule geschlossen. Dann nahm die Lehrerin Gertrud Schmöle das Heft wieder in die Hand. Sie sammelte Schüler, Unterrichtsmaterial, Fördermittel und bat um Unterrichtsräume. Für 30 Schüler begann dann der Förderunterrichtet wieder in den Klassenräumen der Nordschule. Gertrud Schmöle unterrichtete „ihre Kinder" in zwei Klassenstufen ganz allein. Erst 1947 kam mit Margarethe Jacobs eine zweite Lehrerin, die für die nun schon 55 Jungen und Mädchen da war. Eine dritte Klasse entstand 1949, da die Schülerzahl jetzt auf 84 angewachsen war.35

Der frühere Schulleiter Josef Blaumeister, der aktives NSDAP-Mitglied gewesen war, erhielt 1948 einen „Persilschein" und wurde wieder in den Schuldienst eingestellt. Bescheiden bot Gertrud Schmöle Josef Blaumeister die Leitung der Schule an. Doch er lehnte ab, da er die Verdienste und den Mut seiner Kollegin in der Nachkriegszeit erkannte und unterstützen wollte.36 Im Jahr 1951 kehrte er jedoch als dritte Lehrkraft an die Hilfsschule Euskirchen zurück. 

Für Gertrud Schmöle waren Vernetzung, Fort- und Weiterbildung immer besonders wichtig gewesen. Sie gaben ihr und ihrem Kollegium die Möglichkeit, die eigenen Schulverhältnisse mit anderen Hilfsschulen im Rheinland zu vergleichen. Bei den Euskirchener Schulleitertagungen fehlte sie selten, die Vernetzung und Zusammenarbeit mit allen anderen Schulen war wichtig. Wie sie „ihre Kinder" integrieren konnte, lag ihr am Herzen.

Schmöle_neu

Gertrud Schmöle war Mitglied des Verbandes deutscher Hilfsschulen38, Köln, an deren Tagungen im Rheinland sie regelmäßig teilnahm und im Kollegium die Tagungs- und Diskussionsbeiträge dann folgend beriet. 

Vom Neubeginn der Hilfsschule bis zu ihrer Pensionierung 1960 kämpfte Gertrud Schmöle um die Existenz, die Anerkennung und die Akzeptanz des Förderunterrichts. Am 3. Oktober 1949 bat sie beim Schulträger, der Stadt Euskirchen, um die endgültige Übertragung der Schulleitung an sie. Bislang war sie vom Kreisschulamt nur vorübergehend mit der Wahrung der Dienstangelegenheiten des Schulleiters beauftragt worden. Gerne hätte sie nach nun fast 30 Jahren Tätigkeit an der Hilfsschule auch offiziell die Schulleitung übernommen. Doch sie blieb ihr bis zum 4. September 1959, einem Jahr vor ihrer Pensionierung, versagt.41

Auf Drängen der evangelischen Gemeinde und der Elternpflegschaft der Nordschule entschloss der Rat der Stadt Euskirchen sich für den Neubau einer evangelischen Schule. Im Dezember 1957 konnte dann endlich der Unterricht in der neuen evangelischen Schule an der Kölner Straße beginnen, die dann 1958 den Namen „Paul-Gerhardt-Schule" erhielt. Die Hilfsschule zog zunächst ebenfalls in die neue Schule an der Kölner Straße ein. Die Leiterin der evangelischen Volksschule, Josefine Fienup, war eine Nachbarstochter von Gertrud Schmöle, sie wuchsen zusammen auf. Gemeinsam wollten die beiden eng befreundeten Frauen, deren Schulformen in der Euskirchener Schullandschaft als Exoten galten, ihre Schulen und Schüler bestärken.44

Doch endgültig war die Frage, wohin mit den Hilfsschülern, noch nicht geklärt. In fast allen Euskirchener Schulen waren die Sonderschüler schon zu Gast gewesen.

Am 1. April 1960 ging Gertrud Schmöle vorzeitig wegen einer Erkrankung in den Ruhestand. Ihre Nachfolgerin wurde Ruth Cichos. 

Ihr Privatleben war wie das berufliche Leben geprägt durch die Sorge um den Mitmenschen. Oft kamen in Not geratene Eltern „ihrer Kinder" zu ihr und erhielten erbetene Unterstützung, psychologischer und materieller Art. 

In ihrer Freizeit arbeitete Gertrud Schmöle aktiv in der katholischen Frauenbewegung berufstätiger Frauen „Lydia" mit, wo sie ihr Aufgabenfeld insbesondere im Rahmen der Veranstaltungen fand. Besonders engagierte sie sich im kulturellen Leben der Stadt. Sie verfügte über eine Koloratursopranstimme, hatte lange Jahre in Köln Gesangsstunden genommen und sang als Solistin in vielen Konzerten. Die Auftritte der Euskirchener Kirchenchöre bereicherte sie mit ihren solistischen Darbietungen. Entspannung fand Gertrud Schmöle in ihrer Familie und in ihrem großen Blumengarten, den sie mit viel Sorgfalt pflegte. 

Zeitlebens wohnte Gertrud Schmöle im elterlichen Haus in der Kommerner Straße 122. Dort starb sie am 17. Mai 1994.

 

 

2      StA EU, Bestand Euskirchen IV, Nr. 390. Personalakte.

14   (*02.101889 in Euskirchen, + 16.02.1934 in Euskirchen)

15   (*1806.1897, + 04.10.1975 in Euskirchen)

33   Sie hatte lediglich eine Zwangsmitgliedschaft im Nationalsozialistischen Lehrerbund seitdem 1. Mai 1933 und in der NS-Volkswohlfahrt, StA EU, Bestand Euskirchen IV, Nr. 390.

34   Mit vielem Dank für die freundliche Ergänzung der Familie. Dr. Karl-Heinz Decker. 

35   StA EU, Bestand Euskirchen IV, Nr. 1149.

36    Mit vielem Dank für die freundliche Ergänzung der Familie. Dr. Karl-Heinz Decker. 

38      Der Verband gründete sich 1898 als Verband deutscher Hilfsschulen. 1955 erfolgte die Umbenennung in Verband deutscher Sonderschulen, im Jahre 2008 in Verband Sonderpädagogik.

41   StA EU, Bestand Euskirchen IV, Nr. 390. 

44      Mit vielem Dank für die freundliche Ergänzung der Familie, Dr. Karl-Heinz Decker.

 

 

Literatur

Dr. Gabriele Rünger – Gertrud Schmöle – Die Hilfsschullehrerin und „ihre Kinder“

aus der Jahresschrift Geschichtsverein des Kreises Euskirchen e.V. Jahrgang 33, 2019, Frauen. Auf dem Weg zur Gleichberechtigung