
Die Genossenschaft besaß damals ein Pferdegespann, mit dem man die Bäcker belieferte. Und just über dem Pferdestall hatte Maria Küster ihr Büro. Doch die Inflation sorgte für die Liquidation der Genossenschaft. Mit Hilfe von Thomas Eßer, damals Direktor der Gewerbebank, wurde das Schlimmste verhindert. Innungsobermeister Philipp Simon ließ die „Flügel“ nicht „hängen“ und sorgte für Aktivitäten: „Jetz maache mir en Krankenkass“. Als dann am 01. Oktober 1926 die Innungskrankenkasse für Bäcker als erste Innungskrankenkasse im Kreis Euskirchen ins Leben trat, war weder ein Vorstand noch ein Geschäftsführer noch ein Ausschuss für die Kasse bestimmt.
Als der Innungsobermeister der Bäcker- und Konditor- Innung Simon im Oktober 1926 die Gründung der Innungskrankenkasse einleitete, kam von Maria Küster zuerst die Worte: „ohne mich“. Neben einem fehlenden Vorstand und einer Geschäftsführung waren keine Unterlagen für die Errichtung der Hebelisten vorhanden. Ebenso fehlten die Geldmittel für die sofortige Übernahme der Kassenleitungen. Als sich dann Vorstand und Ausschuss am 15.02.1927 trafen stand am Ende der Sitzung fest, dass die Geschäftsführerin „Fräulein Küster“ war. Das spontane „ohne mich“ wurde so schnell verdrängt und die Arbeit begann. In der Vorstandssitzung wurde ferner beschlossen, dass die Geschäftsführerin Maria Küster 40 Reichsmarkt als Vergütung bekommen sollte. In einer Zeit, als man noch nicht an Datenverarbeitung, Gehaltskonten oder kameralistische Buchführung dachte, war das wichtigste Requisit der Innungsangestellten Küster das Fahrrad.
Mit diesem Rad nämlich betrieb Fräulein Küster, seit Juli 1927 Maria Klee, Kundenbetreuung. Von Euskirchen bis nach Lechenich, bis nach Zülpich, nach Münstereifel, nach Schwerfen oder bis nach Kommern.
Das Büro der Innungskrankenkasse befanden sich zunächst beim Mittelstandsamt (später Kreishandwerkerschaft) in der Wilhelmstr. 59. Als dort die Wehrmeldestelle 1937 eingerichtet wurde, zog man zur Frauenberger Straße und später zur Wilhelmstraße (heutiges Binner Haus). Kurz vor Weihnachten 1944, als Euskirchen schwer bombardiert wurde, wurde Maria Klee unruhig. Sie nahm die wichtigsten Akten mit nach Hause zur Münstereifeler Str. 86. Und tatsächlich: die Geschäftsstelle wurde bei einem Bombenangriff total zerstört. Viele Jahre, auch nach Kriegsende, hat Maria Klee die Geschäfte von zuhause geführt. 1947 gründete Maria Klee zusätzlich noch die Bäckereinkaufgenossenschaft – BÄKO Euskirchen – später BÄKO Eifel-Mosel eG, deren Geschäftsführerin sie war.
Später, nach 60 Jahren ihrer Tätigkeit für die Bäcker- und Konditor-Innung, amüsierte sich Maria Klee, das damalige „Fräulein Küster“ über ihren spontanen Ausspruch: „ohne mich“. Im Ruhestand war sie noch glücklich und zufrieden, dass aus dem „ohne mich“ ihr Lebenswerk wurde, nämlich die Innungskrankenkasse der Bäcker, die in den 60er Jahren zur Innungskrankenkasse für 13 Innungen wurde und zu denen 1980 drei weitere hinzukamen. Als Maria Klee nach 40jähriger Tätigkeit als Geschäftsführerin ausschied, da resümierte sie, was das Schönste in all den Jahren war: „Ich bin stolz, dass die Kasse all die schweren Jahre überlebt hat, ich bin glücklich, dass ich in all den Jahren nie ein Kassendefizit hatte und das Schönste war, dass ich in jedem Bäckerhaus zu Hause war.“
„Küsters Maria“, wie die ehemalige Geschäftsführerin der Bäckerinnung und Innungskrankenkasse Maria Klee in Euskirchen von vielen genannt wurde, hatte nicht nur ein Menschenleben lang hart gearbeitet, sie war auch die gute Seele von Innung und Krankenkasse, wobei vor allem ihre menschliche Art eine besondere Ausstrahlung hatte. Sie hatte immer ein offenes Ohr für die Sorgen und Wünsche ihrer Innungsmitglieder gehabt. Die Bäckerinnung und Krankenkasse wäre niemals das geworden, was sie heute ist, wenn nicht Maria Klee gewesen sei. Anlässlich ihrer 95. Geburtstag hatte sich die Innungskrankenkasse etwas Besonderes einfallen lassen. Nachdem man eine Ehrenordnung verabschiedet hatte, bekam Maria Klee von dem damaligen Direktor Theo Peuten als erste die Goldene Ehrennadel der IKK überreicht. Sie war stets eine glückliche, zufriedene Frau und teilte darum gerne ihren Erfolg mit anderen, vor allem dachte sie immer an die Benachteiligten unserer Gesellschaft. So hatte sie bei ihrem 95. Geburtstag extra darum gebeten, keine Geschenke mitzubringen. Stattdessen bat sie um Geldspenden für krebskranke Kinder.
Quellen
- Stadtarchiv Euskirchen
- Stadt Euskirchen
- Friedhofsverwaltung (Friedhofskartei, Friedhofsbeleg- und Bestattungsbücher)
- Standesamt (Geburts-, Heirats- und Sterbeurkunden)
- Einwohnermeldeamt/Bürgerbüro (Meldekartei)
- Totenzettelsammlung Kurt Lingscheidt
- Festschrift 80 Jahre Bäckerinnung
- Heimatkalender 1961 Kreis Euskirchen

